Willkommen auf der HP von Erhard Neumann

RACHE IST SÜSS

 

Man hebt ja zurecht immer wieder die sprichwörtliche Kameradschaft auf Schiffen hervor und auch den dort herrschenden Zusammenhalt. Dies soll aber nicht heißen, dass, wo auf kleinem Raum so viele Menschen so lange zusammenleben, es nicht auch zu Spannungen kommen kann. Wenn es sie denn gibt, suchen sie sich - wie im Landleben auch - ein Ventil.


Wir befanden uns mit unserem Schiff in der Karibik mit Ziel Mexiko, als nächste Häfen waren zuerst Tampico und dann Vera Cruz angekündigt. Das Schiff war nicht klimatisiert und so war es des Nachts bei der Schwüle dieser Region nicht ungewöhnlich Bullaugen und Kammertüren geöffnet zu lassen, um jeden sich bietenden Luftzug einzufangen, der die Hitze ein wenig erträglicher zu machen versprach. Wer sich im Bett zudeckte, tat dies höchstens mit einem Bettlaken oder Badetuch.In der damaligen Zeit verfügten Schiffe - in den Gängen verteilt - über Eiswasserbereiter. Mittels einer Fußpedale konnte man sich dort in Pappbechern Eiswasser zapfen und bei Bedarf auch mit Salztabletten versorgen. Diese Eiswasserspender waren bei Hitze immer recht gut frequentiert, konnten aber auch missbraucht werden, wie sich noch herausstellen sollte.

Eines Nachts, ich lag - nur mit Slip und Unterhemd bekleidet - schwitzend aber im Tiefschlaf in der Koje. Sollte ich geträumt haben, so wurde ich auf brutale Weise aus meiner Traumwelt gerissen, indem mir ein Bösewicht eine ganze Pütz Eiswasser über den Köper schüttete. - Eigentlich überflüssig festzuhalten, dass man in einer solchen Situation durchaus einen tödlichen Herzschlag erleiden kann -.

Ich, wie der Blitz raus aus meiner Koje, hinaus auf den Gang und sehe vom Übeltäter gerade noch den hinteren Teil, der eben um die nächste Ecke verschwindet. Immerhin hatte ich genug mitbekommen, um zu wissen, wer das war. So verbrachte ich also den Rest der Nacht  bei geschlossener Kammertür auf dem trockenen Sofa und bekam am nächsten Tag vom Ersten Offz. vorübergehend bzw. leihweise eine trockene Matratze aus dem Hospital. Ich sann nun auf Rache und schon nach kurzer Zeit hatte ich die "Erleuchtung". Mexiko ist ja nun bekannt für seinen Kakteenreichtum und Tampico war nicht mehr fern. Dort würde ich aus dem Vollen schöpfen können, an Dingen, die ich für meine Revanche benötigte.

So begab ich mich alsbald mit einer Nagelschere und einem kleinen handlichen Behältnis ausgerüstet, auf Beutezug. Es gab Massen von Kakteen in allen Größen, Farben und Formen, gleiches galt für deren Satcheln. Hinterlistigerweise sammelte ich nur jene Stacheln ein, die bereits vertrocknete Spitzen aufwiesen, sie würden sofort abbrechen, sobald sie ins Fleisch eingedrungen waren. "Vorfreude ist die schönste Freude" das spürte ich ganz deutlich!

Zurück an Bord präparierte ich zunächst die Koje meiner Zielperson, indem ich die Stacheln mit großer Sorgfalt zwischen Bettlaken und Matratze platzierte. Danach nahm ich mir das Sofa vor, es war für diese Gemeinheit besonders gut geeignet, war es zur Verschönerung doch mit einem bunten wollenen Überwurf ausgestattet. Voll innerer Befriedigung verließ ich den Tatort und harrte der Dinge, die da kommen würden.

Am nächsten Morgen kam der Kerl - offensichtlich sehr leidend - und erzählte in der Messe von seinem großen Unglück, welches ihn in seiner Koje ereilt hatte und beklagte besonders den Umstand, dass dieser "schlechte Mensch" auch sein Sofa nicht verschont hätte. Sein Hintern sei nun mit abgebrochenen Kakteenstacheln gespickt wie ein Rehrücken zum festlichen Weihnachtsmahl. Ich sprach ihm mein Beileid aus, vergaß aber nicht zu betonen, dass auch ich kürzlich Opfer eines Bösewichtes geworden wäre, der mir nächtens eine Pütz voll Eiswasser über meinen edlen Körper geschüttet hätte und dass ich mich deshalb besonders gut in seine missliche Lage hinein versetzen könne.

Ich war mir sicher, dass er in dem Moment  sehr genau wußte, woher der Wind wehte!

 

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"ACHTERNRAUS  GESEGELT"

 

So sagt man Seemannssprachlich dazu, wenn jemand - ob mit oder ohne Absicht - sein Schiff verpasst hat, sprich im Hafen nicht rechtzeitig vor Auslaufen wieder an Bord ist und das Schiff seine Reise ohne ihn fortsetzen muss. Das erste Mal passierte mir das im Februar 1959 in Ostafrika, genauer gesagt in Daressalam (Tansania) und das kam so:

Nachdem unser Schiff MS TANGA zuvor knappe 3 Wochen in Mombasa (Kenia) gelöscht und geladen hatte - der Hafen war immer stark frequentiert, aber es gab einfach viel zu wenig Liegeplätze, sodass die Schiffe oft bis zu zwei Wochen im Hafen auf Reede liegen mussten, bevor man einen Platz an der Pier zugewiesen bekam - kamen wir mit reichlich Verspätung in Daressalam an.

Auch wenn man bei der Seefahrt natürlich immer mal Verspätungen infolge schlechten Wetters, Streiks der Hafenarbeiter oder anderer widriger Umstände hinnehmen musste, so gab es doch einen groben Fahrplan, den es einzuhalten galt. Die Besatzungsmitglieder, sofern der Dienst vorbei war und auch keine Wachen mehr anstanden, nutzten am Abend natürlich jede sich bietende Gelegenheit an Land zu gehen und jeder suchte dabei auf seine Weise die Abwechslung vom Bordalltag. Da machte auch ich keine Ausnahme. Wir waren jung, im besten Mannesalter und sagten uns, alleine schlafen können wir wieder ausgiebig, wenn wir auf See sind. Also stürzten wir, Ingo, Uwe und ich (Name geändert) uns ins Vergnügen. Es gab zwar nicht allzu viele Bars, in denen Weiße verkehrten und in denen man sich auch wirklich sicher fühlen konnte.

Dafür waren die Afrikanerinnen in ihrer Mehrzahl ausgesprochen hübsch und aufgeschlossen, ganz besonders gegenüber blonden blauäugigen Jünglingen, wie wir das nun mal waren.

Es war üblich, bevor man abends von Bord ging, sich beim Wachhabenden zu erkundigen, ob die Gefahr bestünde, dass das Schiff im Laufe der Nacht oder in den frühen Morgenstunden womöglich auslaufen oder an einen anderen Liegeplatz verholen könnte. Dies hatten wir Drei natürlich auch gemacht und  die beruhigende Auskunft erhalten, dass diesbezüglich nichts bekannt wäre.
So verbrachten wir also eine unbekümmerte, schöne Nacht und da immer um 6:00 Uhr morgens der Dienst an Bord begann, ließen wir uns um 5:00 Uhr von unseren Schönen wecken, schlüpften in die Klamotten und machten uns gleich auf den Weg Richtung Liegeplatz. Die Morgentoilette wollten wir, des größeren Komforts wegen, an Bord erledigen. Doch oh weh ....!! An unserem Liegeplatz lag ein fremdes Schiff.  Während wir uns noch Gedanken darüber machten, wo unser Schiff wohl geblieben sein könnte, bog ein Jeep um die Ecke, der direkt auf uns zu fuhr, ihm entstieg der Agent unserer Reederei, um die Sachlage aufzuklären. Ein Teil der uns zugedachten Fracht war aus Zeitgründen umgeleitet worden und unser Schiff war daher noch vor Mitternacht ausgelaufen mit Ziel Beira in Mosambique.        

Das schöne Ende kam unmittelbar im Anschluss. Der Agent hatte bereits die Flugtickets für uns in der Tasche und brachte uns umgehend nicht etwa zu einem Flughafen unserer Vorstellung, sondern auf eine große einigermaßen ebene Wiese vor der Stadt. Dort stand eine baufällige Baracke, an einer dürren, krummen Stange hing schlaff ein Windsack herunter und etwas abseits erblickten wir ein uraltes silbrig schimmerndes, aber klapprig erscheinendes Flugzeug, in dem außer dem Piloten noch 5 Passagiere Platz gefunden hätten. Nach einer kurzen Begrüßung durch den Piloten und der Verabschiedung unseres Agenten, hoben wir mit einem flauen Gefühl in der Magengegend holpernd und klappernd ab.

In einer Flughöhe so zwischen 300 und 600 Metern bekommt man einiges an Turbulenzen mit, was Seeleuten allerdings so leicht nichts ausmacht. Der Vorteil dieser geringen Höhe ist aber die Sicht, die sich einem nach unten eröffnet. Die Schiffe, die Küste, die aufgescheuchten Wildtierherden,  die ausgedehnte Staubwolken hinter sich aufwirbelten, die Krals der Eingeborenen, sowie der unbeschreibliche Eindruck des erwachenden  Afrikanichen Tages in der vollen Pracht dieser herrlichen Landschaft verfehlten ihre Wirkung auf uns nicht. All das war ein großes Erlebnis, an das ich mich immer wieder gerne erinnere. Der Pilot richtete sich - es war kein noch so kleines Wölkchen am Himmel - wohl einfach nach dem Verlauf der Küste und so erreichten wir Beira 2 Tage früher als unser Schiff und konnten uns dort schon mal umsehen, um den Kameraden Tipps zu geben, wo was los ist.

 

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"ACHTERNRAUS GESEGLT" zum zweiten ...

 

Waren wir beim ersten ACHTERNRAUS SEGELN noch absolut unschuldig, so kann man das beim zweiten Mal nicht behaupten, zumindest nicht mit guten Gewissen, denn selbst wohlwollend betrachtet konnte man uns - wir waren wieder zu dritt - eine Mitschuld nicht absprechen, denn diesmal war es so:

Wir liefen mit  MT JUGUM  von San Sebastian kommend in Lissabon (Portugal) ein. Die drei vorangegangenen Hafenliegezeiten waren extrem kurz, quasi morgens rein, abends wieder raus. Das bedeutete kein Landgang.  Und nun endlich Lissabon mit all seiner Pracht, seinem Nachtleben mit allem was dazu gehört und so ein Seemannsherz höher schlagen lässt. Peter, Sven und ich (Namen natürlich wieder geändert) machten uns frisch geduscht, rasiert und erwartungsvoll auf ins einschlägige Viertel dieser pittoresken Hafenstadt. Die Auswahl der Bars war groß und die der Mädels ebenso. Südländisch und rassig, wie man es von Portugiesinnen erwarten darf. Natürlich hatten wir uns auch dieses Mal zuvor vergewissert, ob ein vorzeitiges Auslaufen des Schiffes zu befürchten sei, was klar verneint wurde. Nach einigen eher flüchtigen Kurzbesuchen in verschiedenen Lokalen, fanden wir - schon leicht angesäuselt - die Bar, von der wir glaubten, dass sie unseren Vorstellungen am nächsten kam, was dann ja auch so war.

Es dauerte nicht lange und schon war auch der Kontakt zum anderen Geschlecht hergestellt. Alles deutete also auf den gewünschten Verlauf  dieses Abends hin. So gegen 21:00 Uhr etwa erschien ein Matrose - er wusste wo wir zu finden waren - dieser teilte uns mit, unser Schiff würde in etwa einer Stunde auslaufen, wir sollten sofort aufbrechen und an Bord kommen. Außerdem sei der Alte (Kapitän) und der Chief (I. Ing.) bereits unterwegs, um uns zu suchen. Die Mädchen und der Alkohol hatten unsere Sinne aber bereits derart in Beschlag genommen, dass wir dies zu umgehen suchten. Wir schickten den Überbringer dieser schlechten Nachricht weg, nicht ohne ihm zuvor das Versprechen abgenommen zu haben, dass er uns nicht habe finden können.

Die Mädels waren clever und offensichtlich auch in solchen Situationen erprobt. Jedenfalls schwärmten sie aus, stellten Posten auf und schafften so in kürzester Zeit ein Informationsnetz, das ebenso gut funktionierte wie die Trommeln der Eingeborenen im Busch. "Unsere" drei Mädels machten uns zunächst mal mit den Räumlichkeiten der Damentoilette vertraut, in die wir uns verdrücken sollten, wenn der Alte und der Chief eintreffen würden. Man hatte die Beiden nämlich längst geortet, wusste genau wo sie uns gerade suchten und auch, dass sie jedes Mal sogar in den Herrentoiletten  nachschauten. 

Es klappte perfekt, die Beiden kamen und wurden natürlich nicht fündig, die Nacht war nach unseren Vorstellungen erstmal gerettet. Zu unserer Ehrenrettung sei gesagt, dass wir neben unserem jugendlichen Leichtsinn auch noch an Selbstüberschätzung litten. Waren wir doch fest in dem Glauben, dass unser Schiff ohne uns nicht auslaufen KANN. Mit fehlenden 3 Mann wäre das Schiff unterbesetzt, was ein Auslaufen per Gesetz verbietet. So war zumindest unser damaliger Wissensstand und ohne mich - das war uns allen klar - ging sowieso nichts, welcher Kapitän sticht schon ohne Koch in See.

Ich will es kurz machen, die Nacht war toll, der Schrecken am nächsten Morgen allerdings kaum zu überbieten und die Ratlosigkeit zunächst groß, als am nächsten Morgen unser Schiff weg war. Über die Hafenkommandantur machten wir unseren Agenten aus, unser Geld hatten wir bis auf einen kläglichen Rest auf den Kopf gehauen, unsere Kleidung beschränkte sich, dem Klima in Portugal entsprechend, auf ein T-Shirt, Jesuslatschen und eine leichte Sommerhose, die Pässe waren Gott lob da.

Der Agent berichtete uns, dass zur zahlenmäßigen Vollbesetzung des Schiffes nur eine Person gefehlt hätte und diese habe der Kapitän in Form eines Touristen erreicht, der sich seine Passage zurück nach Deutschland durch Arbeit an Bord verdienen wollte. Außerdem habe die Reederei verfügt, dass keiner von uns den noch ausstehenden Lohn ausbezahlt bekommen dürfe, weil man sich vorbehielte, uns für entstandenen Schaden in Regress zu nehmen.

Das war bitter und wirkte auf uns sehr ernüchternd. Peter und Sven telefonierten mit ihren Familien, ich rief Klaus in Hamburg an, einen Freund, der früher ebenfalls zur See gefahren war, dann aber der Liebe wegen im Range eines II. Offz. an Land sein Glück gefunden hatte. Es dauerte ca. 24 Stunden, bis jeder von uns sein Geld für den Flug nach Hamburg mittels telegraphischer Postanweisung in Händen hielt.

Anmerkung: Unsere Mädels vom Abend zuvor waren super, am zweiten Abend waren wir - da mittellos - deren Gäste mit allem "Drum und Dran" es fehlte uns buchstäblich an nichts.

Die Reederei verzichtete ebenfalls auf ein Gerichtsverfahren, da der Kapitän, wir suchten ihn unmittelbar nach Ankunft des Schiffes in Hamburg auf, keine Anzeige mehr erstatten wollte und so fand dieses Ereignis dann doch noch ein für beide Seiten versöhnliches Ende.

 

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